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Erste Hilfe am Kind: Das müssen Eltern wissen

Text: Sofia Vittoria Nanni
Erste Hilfe am Kind und Säugling: Ein Kurs, den alle Eltern belegen sollten? Was bringt so ein Kurs wirklich und was sollten Eltern im Notfall tun? Ein Interview mit Notfallmediziner Ronald Behrens.

Was lernen Eltern eigentlich genau in einem Erste Hilfe Kurs für Kinder?

Vor allem geht es darum, Ängste abzubauen – auch Dank der Medien, die gerne mal von den schrecklichsten Dingen berichten. Und ja, es stimmt, Unfälle passieren, aber meistens gehen sie harmlos aus. Man kann ein Kind nicht einsperren und wenn man sich bewegt, passiert eben auch mal was. Das schlimmste ist, wenn Eltern ihre Ängste auf die Kinder projizieren. Wenn sie ständig rufen, dass das Kind auf dem Klettergerüst vorsichtig sein soll, dann fällt es bestimmt irgendwann runter.

Und dann?

Meist endet so was ja – glücklicherweise – nur in einem aufgeschlagenen Knie. Weh tut es trotzdem. Aber auch hier gibt es einen Trick. Zucker wirkt bei Kindern nämlich perfekt als Schmerzmittel – zumindest wenn sie nicht schon an einen übermäßigen Süßigkeiten Konsum gewöhnt sind. Im Krankenhaus machen wir das übrigens auch, etwa wenn wir eine Spritze geben müssen. Wir geben den Kleinen vorher einfach etwas Glucose Sirup in den Mund und schon ist alles vorbei. Also, liebe Eltern, gebt euren Kleinen ruhig ein Eis oder einen Lolli, wenn das Knie blutet. Daran ist nichts Verwerfliches.

Unfälle: Meist passiert weniger, als man denkt | Bild: Getty

Wann sollte man einen Rettungswagen rufen?

Bei einer Kopfverletzung etwa, wenn das Kind bewusstlos ist oder die Sauerstoff-Versorgung nicht sichergestellt ist. Wichtig zu wissen ist, dass man Kinder auf keinen Fall selbst transportieren darf. Es ist natürlich verlockend, weil sie so klein und leicht sind, und die 8 Minuten bis der Krankenwagen kommt scheinen eine Ewigkeit zu dauern. Aber was, wenn das Kind auf der Fahrt ins Krankenhaus dringend Hilfe braucht? Die Sanitäter wissen auch, welches Krankenhaus sie anfahren müssen. Nichts schlimmer, als wenn man endlich angekommen ist und dann in ein anderes Krankenhaus weiterverwiesen werden muss, weil es fachlich nicht geeignet ist.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Erste Hilfe Kurs?

Wenn man unsicher ist, sollte man es tun. Natürlich kann man auch schon einen Kurs während der Schwangerschaft machen, aber da hat man ja selbst körperlich genug zu tun. Übrigens darf man zu unseren Kursen Kinder mitbringen, geübt wird aber natürlich an Puppen.

Auf was werden die Eltern genau vorbereitet?

Zu uns kommen viele Eltern, deren Kinder bereits chronische Krankheiten haben. Viele davon haben Asthma oder andere Atemwegserkrankungen. Aber auch viele Eltern, deren Kinder einen Herzfehler haben, kommen zu uns. Daneben lernen die Kursteilnehmer natürlich auch, was bei Sturzverletzungen zu tun ist und wie sie helfen können, wenn sich das Kind verschluckt.

Was mache ich denn, wenn mein Kind etwas verschluckt hat und keine Luft bekommt?

Zur Beruhigung – das passiert eigentlich so gut wie nie. In den 30 Jahren, in denen ich als Notfallmediziner unterwegs war, ist es zwei Mal passiert, dass ein Kind einen Fremdkörper verschluckt hat. Ein Mal war es mein eigener Sohn. Nur ganz kurz: ein Luftröhrenschnitt bringt bei Kindern nichts. Im echten Notfall, wenn der Fremdkörper sich nicht entfernen lässt, muss man diesen in einen Lungenflügel hineinpusten. Dann ist die Sauerstoffversorgung mit der anderen Lunge gesichert ist. Und dann geht es sofort ins Krankenhaus.

Wie verhält es sich bei Vergiftungen?

Tatsächlich passieren die meisten Vergiftungen im Haushalt, etwa weil man vergessen hat, etwas aufzuräumen. Wer kleine Kinder im Haus hat sollte sich vorher genau überlegen, welche Haushaltsreiniger er benutzen möchte. Muss es tatsächlich die Chemie-Bombe sein? Denn davon einen Schluck zu trinken, ist für ein Kind tatsächlich lebensgefährlich. Vorsicht ist auch bei Alkoholresten von der Party am Vorabend geboten, vor allem wenn die halbleere Bierdose noch als Aschenbecher benutzt wurde.

Auf scharfe Reinigungsmittel im Familienhaushalt lieber verzichten | Bild: Getty

Vorsorge ist also immer besser?

Natürlich, Vorsorge ist auch in unserer Schulung das Hauptaugenmerk. Denn Kinder können Gefahren nicht richtig einschätzen. Die Lebensumgebung sollte also in jeder Hinsicht kindersicher sein.

Was tue ich nun aber wenn mein Kind richtig krank wird, etwas hohes Fieber bekommt?

Auch bei Fieber sollte man nicht unbedingt gleich eingreifen, denn Fieber ist eine natürliche Abwehrreaktion des Körpers. Wenn es in Richtung 39 Grad geht, wird es allerdings langsam kritisch. Bei Temperaturen um die 40 Grad ist ein Kind schwerkrank, ab 41 Grad würde das Eiweiß gerinnen.

Was machen Eltern sonst noch häufig falsch?

Ein gutes Beispiel ist etwa Pseudokrupp. Bei dieser Erkrankung ist die Schleimhaut im Bereich des Kehlkopfes und der Stimmbänder entzündet und schwillt stark an. Wird der Pseudokrupp nicht erkannt und wie eine Bronchitis mit warmen Kamille-Inhalationen behandelt nimmt die Schwellung nur weiter zu und die Symptome verschlimmern sich. Bei einem Pseudokrupp-Anfall ist es auch extrem schlimm, wenn die Eltern nervös werden, denn dann bekommt das Kind Angst und die Kehlkopfschleimhaut schwillt noch mehr an.

Was sollten Eltern also in dem Fall tun?

Im Winter ist es am besten auf den kühlen Balkon zu gehen, das Kind muss nicht frieren, aber der Hals muss frei sein. Tatsächlich hilft es auch, am offenen Kühlschrank zu sitzen – und selber cool zu bleiben.

Ruhig zu bleiben ist ja leider nicht immer ganz einfach…

Das stimmt, aber wenn ich Bescheid weiß und die Situation einschätzen kann, ist es viel einfacher einen kühlen Kopf zu bewahren.

Vielen Dank für das Interview!

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