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Wochenbettdepression – Ursachen, Symptome und Hilfe

Text: Kirsten Hemmerde
Viele Mütter berichten kurz nach der Geburt von plötzlichen Stimmungsschwankungen. Bei einigen Frauen jedoch wird aus diesem harmlosen Babyblues eine Wochenbettdepression. Um Mutter und Baby zu helfen, ist rasches Handeln erforderlich. Hier erfährst du mehr über die Symptome, Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten dieser Krankheit.

Das kennen viele frischgebackene Mütter: Wenige Tage nach der Geburt schießen ihnen plötzlich die Tränen in die Augen und sie überfällt eine ungekannte Traurigkeit. Schätzungsweise 50 bis 80 Prozent aller Frauen erfahren diesen sogenannten Baby-Blues. Das ist normal, erläutert Dr. Astrid Maroß, Ärztin im AOK-Bundesverband: „Der Baby-Blues beginnt in der Regel wenige Tage nach der Geburt und vergeht nach einigen Stunden oder Tagen wieder von selbst. Doch wenn das Stimmungstief länger anhält oder erst später einsetzt, kann es sich um eine Wochenbettdepression handeln.“ Laut AOK ist das bei rund 15 Prozent aller Mütter der Fall. Da diese postpartale – als nach der Geburt aufgetretene – Erkrankung Auswirkungen auf die betroffene Frau, ihr Baby und ihre Familie hat, sind eine schnelle Erkennung und Behandlung wichtig. Daran scheitert es jedoch oft, hat Maroß beobachtet: „Noch immer ist das Tief nach der Geburt tabuisiert, dabei ist eine Geburt ein bedeutender Einschnitt in das bisherige Leben.“

Was sind die Symptome einer Wochenbettdepression?

Im Rahmen einer Wochenbettdepression können ähnliche Symptome auftreten wie bei anderen depressiven Erkrankungen:

  • Traurigkeit und häufiges Weinen
  • eine innerliche Leere und ein allgemeines Desinteresse
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Konzentrations-, Appetit- und Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen und Schwindel
  • Herzbeschwerden
  • Ängste
  • leichte Reizbarkeit

„Bei den depressiven jungen Müttern kommen starke Schuldgefühle hinzu, denn sie fühlen sich unfähig, ihrem Kind genügend Liebe zu geben, und können sich die zwiespältigen Gefühle dem Baby gegenüber nicht verzeihen“, so Dr. Maroß. Oft schweigen die Betroffenen über ihre Probleme, weil sie den gesellschaftlichen Erwartungen an eine vermeintlich perfekte Mutter nicht entsprechen können.

Eine postpartale Depression kann körperliche Ursachen haben

Bei Schwangerschaft und Geburt kommt es zu starken körperlichen und hormonellen Verschiebungen. Diese Veränderungen können eine Depression auslösen. So erkranken schätzungsweise sieben Prozent aller Frauen nach der Entbindung an Schilddrüsenstörung. Diese Erkrankung hat ähnliche Symptome wie eine Wochenbettdepression. „Oft dauert es lange, bis die Diagnose gestellt wird. Die Symptome wie anhaltende Erschöpfung, Reizbarkeit oder Schlaflosigkeit werden häufig mit der neuen Belastungssituation in Verbindung gebracht und als ,Baby-Blues‘ fehlinterpretiert“, erläutert Privatdozent Dr. med. Joachim Feldkamp, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie und Infektiologie am Klinikum Bielefeld. Ein Bluttest ermittelt, ob eine Fehlfunktion der Schilddrüse vorliegt. Darüber hinaus stehen auch ein veränderter Hormonspiegel oder eine körperliche Belastung durch schlaflose Nächte nach der Geburt im Verdacht, eine Wochendepression zu verursachen.

Oft stecken psychische Faktoren dahinter

Vielfach sind es psychische Ursachen, die eine Wochenbettdepression begünstigen. Beispielsweise können Komplikationen in der Schwangerschaft, eine traumatische Geburt oder auch eine unerwünschte Schwangerschaft Auslöser sein. Auch bei einigen Frauen, die lange auf ihr Baby warten mussten und dann feststellen, dass sie ihren hohen Ansprüchen an Mutterschaft, Haushalt und Babypflege nicht gerecht werden, treten postpartale Depressionen auf. Hier sind Perfektionismus, Kontrollverlust und eine Identitätskrise die bestimmenden Faktoren. Weitere psychische Gründe können sein:

  • Belastungen durch ein Schreibaby und der damit verbundene Abschied vom perfekten Kind
  • Schwierige Umstände wie finanzielle Unsicherheit oder ein Umzug
  • Probleme in der Beziehung
  • Mangelnde Unterstützung innerhalb der Familie oder des sozialen Umfeldes
  • Veränderte Beziehungen zu Eltern, Schwiegereltern oder kinderlosen Freunden
  • Persönliche Einschränkungen durch das Baby mit Verlust persönlicher Freiheit

Zudem steigt das Risiko für eine Wochenbettdepression, wenn die Frau bereits vor der Schwangerschaft psychisch erkrankt war. Aus diesem Grund sollten junge Mütter wachsam sein, wenn sie bereits Depressionen oder Zwangsstörungen hatten. Darüber hinaus stellen auch Panikstörungen oder Phobien eine erhöhte Gefahr für eine postpartale Depression dar.

Auf diese Anzeichen achten

Wochenbettdepressionen beginnen oft schleichend. Daher ist es besonders wichtig, dass Partner, Angehörige und Freunde hellhörig und sensibel sind. Ebenfalls sollte die betroffene Frau sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten. Denn unbehandelt kann diese psychische Erkrankung Mutter und Kind schaden. Ein besonders häufiges Anzeichen der Wochenbettdepression ist dabei allgemeines Desinteresse. Erstens zeigt sich das bei der Betroffenen selbst, die sich oft vernachlässigt. Zweitens ist es auch im Umgang mit dem Kind zu sehen. Zwar wird das Baby versorgt. Jedoch fehlt meist ein emotionaler Bezug zum Kind. Bisweilen haben Außenstehende den Eindruck, die Mutter würde sich um eine Puppe kümmern. Dadurch, sich depressiv Erkrankte oft stark zurückziehen und Kontakte vermeiden, ist besondere Aufmerksamkeit erforderlich. Wie ist der Eindruck im Gespräch? Wirkt die Mutter besonders fahrig oder unkonzentriert? Berichtet sie von starker Belastung, großen Zweifeln oder Ängsten?

Erkennen und Behandeln von Wochenbettdepression

Genauso wie dem engen sozialen Umfeld kommt auch der begleitenden Hebamme eine große Rolle bei der frühzeitigen Erkennung einer Wochenbettdepression zu. Denn Hebammen haben die Betroffene meist schon während ihrer Schwangerschaft betreut. Daher kennen sie die Frau gut und bemerken psychische Veränderungen schnell. Hebammen können ein behutsames Gespräch mit der Mutter suchen und sie weitervermitteln an professionelle Unterstützung. Bei einer leichten Form der Wochenbettdepression hilft oft schon konkrete Unterstützung im Haushalt oder bei der Babypflege. Auch Familienberatungsstellen bieten hier Beratung. Wenn die Ausprägung der Erkrankung schwerer ist, wird in vielen Fällen eine psychotherapeutische Behandlung empfohlen. „Medikamente werden in der Stillzeit zurückhaltend, nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abwägung im individuellen Fall eingesetzt. Die Schwere der Symptome, die Vorgeschichte und die individuelle Prognose spielen bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle. Daher ist eine fachärztliche Behandlung unbedingt anzuraten“, erläutert Ärztin Maroß.

Wo gibt es Hilfe bei postpartaler Depression?

Zum Wohle von Mutter und Kind rasche Hilfe wichtig. Hebammen, Hausärzte oder Frauenärzte sind gute Ansprechpartner. Ihnen können junge Mütter ihre Sorgen, Ängste und Nöte schildern. Einen Überblick über das Krankheitsbild einer Wochenbettdepression und Hilfsangebote gibt die Initiative Schatten & Licht e.V. Hier steht ein auch Selbsttest zur Verfügung, der bei der Einschätzung einer postpartalen psychischen Erkrankung hilft. Besonders wertvoll ist zudem die Liste der Unterstützungsangebote. Deutschlandweit wurde ein Netzwerk an Selbsthilfegruppen und Beraterinnen eingerichtet. So finden Betroffene auch in ihrer Nähe professionelle Beratung und können sich mit anderen Müttern austauschen. Ebenfalls stellt die Initiative eine Liste mit medizinischen und sozialpädagogischen Experten zur Verfügung.

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