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Helikopter Eltern – behütender Erziehungsstil oder schädliche Überfürsorge

Text: Julia Weise-Holtgräwe
Können Eltern denn zu viel Eltern sein? Ja, das können sie. Was Helikopter Eltern ausmacht und warum Überfürsorge dem Kind schadet, erfährst du hier.

Was sind Helikopter Eltern?

Man könnte denken, dass Eltern, die sich fürsorglich kümmern und nur das Beste für ihr Kind wollen, alles richtig machen. Aber spricht man von Helikoptereltern, spricht man nicht von Eltern, die in ausgewogenem Maße erziehen. Helikopter Eltern bezeichnet Mamas und Papas, die wie ein Hubschrauber 24 Stunden am Tag um ihr Kind kreisen und ihm jede Möglichkeit auf Selbstständigkeit nehmen. Und diese Form der Kontrolle, in diesem Fall vielleicht sogar Kontrollzwang, hat so gar nichts gemeinsam mit Kindern, die zu selbstständigen Menschen erzogen werden.

Kindergarten, Schule, Hobbys, Freundeskreis, Helikopter Mamas und Papas wissen über jede Minute des Lebens Bescheid und greifen ein, sobald sie ein Hindernis erahnen. Die permanente Überwachung kann so weit gehen, dass Helikoptereltern alles entscheiden. Und bei einigen Verhaltensweisen stellt sich eine gewisse Kuriosität ein, zum Beispiel, wenn das Kind nicht einmal in eine Pfütze springen darf.

Typische Verhaltensweisen von Übereltern:

  • Die Kinder werden zur Schule, zum Sport und jeder anderen Aktivität gebracht. Das Kind darf keinen Weg allein zurücklegen.
  • Schulische Leistungen werden genau kontrolliert und Lehrer oft kontaktiert. Die Teilnahme am Elternabend ist Pflicht.
  • Dem Kind wird jeder Wunsch erfüllt.
  • Die Freunde des Kindes werden von den Eltern ausgesucht.
  • Helikoptereltern sind überängstlich und greifen ein bevor das Kind eine Möglichkeit bekommt für sich selbst einzustehen.
  • Der Tagesablauf wird minutiös geplant und die Einhaltung genauestens kontrolliert. Abweichungen gibt es nicht.
  • Das Kind muss seinen Schulranzen nicht tragen und auch nicht im Haushalt helfen.
  • Manche Kinder dürfen das Haus nur mit einem GPS-Tracker verlassen.

Das ist nur ein Ausschnitt aus den Szenen, die sich in einem Haushalt mit Helikoptererziehung abspielen können. Nun könnte man meinen, dass Übereltern mit dem Älterwerden der Kinder ein wenig Abstand gewinnen. Nein, manche Übereltern behalten ihr Verhalten bis in die Studienzeit des Kindes bei und manche sogar darüber hinaus.

 

Das Kind studiert, jetzt können Hubschraubereltern endlich loslassen

Schön wäre es, beklagen manche Unis

Wenn Mama und Papa nicht loslassen können, zieht sich der Erziehungsstil in manchen Fällen bis zur Studienzeit des Kindes. Das belegen Maßnahmen der Universität Duisburg, die sich mit einem ironischen Schreiben an die Helikoptereltern gewandt hat. So erstaunlich es auch klingen mag, aber die Überbehütung geht tatsächlich so weit, dass Eltern ihren studierenden Kindern die Brote fertig machen, Kleidung herauslegen und in der Uni vorsprechen, um sich zu erkundigen, ob denn alles in Ordnung sei.

Helikopterziehung schadet Eltern und Kindern

Beide Seiten leiden – Überbehütung, Förderwahn und die Folgen

Eltern wollen das Beste für ihr Kind und das ist auch gut so. Doch die übermäßige Verwöhnung und der Förderwahn durch die Helikopterziehung hat gravierende Folgen für Eltern und Kinder.

Die gesunde Entwicklung eines Kindes basiert auf Erfolgen und Misserfolgen, Ausprobieren und Kennenlernen und der möglichst freien Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes. Doch all das wird diesen Kindern genommen. Sie haben keinen Raum, in dem sie sich selbst und ihre Fähigkeiten kennenlernen und ausprobieren können. Hinzu kommt, dass Helikoptereltern ihren Kindern Fähigkeiten absprechen und so kein Selbstvertrauen entstehen kann. Man kann so weit gehen und sagen, dass die Helikoptererziehung eine Entmündigung der Kinder darstellt.

Den Folgen sind sich viele Übereltern gar nicht bewusst, manche leugnen sie sogar, denn sie sind fest davon überzeugt alles richtig gemacht zu haben. Kinder mit Übereltern werden häufiger gemobbt, gelten häufiger als verhaltensauffällig, leiden unter fehlenden kognitiven und affektiven Fähigkeiten, sind unfähig ihre Gefühle auszudrücken und haben Schwierigkeiten ihre eigene Persönlichkeit zu finden und leben zu können.

Und die Eltern?

Hubschraubereltern verlangen sich selbst eine hohe Leistung ab. 24 Stunden am Tag das „Wohl“ des Kindes im Auge zu haben, das fordert auch die betroffenen Eltern heraus. Viele Eltern berichten ab einem gewissen Zeitpunkt von starker Erschöpfung. Manche Eltern waren regelrecht erleichtert, wenn es den Kindern zu viel wurde und sie darauf hingewiesen wurden. Ehen zerbrechen, weil keine Zeit für die Partnerschaft bleibt. Zieht das Kind aus, bleiben Eltern zurück, die erst einmal wieder in ihr eigenes Leben zurückfinden müssen. Wenn sie denn dann den Abstand mit dem Auszug des Kindes überhaupt finden, denn manche Übereltern organisieren sogar die Partnerwahl und planen die Hochzeit für ihr Kind. Schließlich wissen sie am besten, was gut für ihr Kind ist.

Liebe und Fürsorge in richtigem Maß

Der Wechsel zwischen Beziehung und Autonomie

Hast du dich vielleicht wiedererkannt oder befürchtest eine Helikoptermama oder ein Helikopterpapa zu werden? Du solltest dir zunächst bewusst sein, dass alle Eltern Fehler machen. Diese Fehler gehören genauso zur Erziehung wie die Fehler der Kinder. Kein Elternteil ist perfekt und das ist auch gut so. Fehler lassen Eltern authentisch sein.

Denke immer daran, dass dein Kind irgendwann sein Elternhaus verlassen und auf eigenen Beinen stehen muss. Lasse Autonomie zu und bestärke dein Kind in seinen Fähigkeiten. Sei genauso da, wenn dein Kind Fehler macht. Lass dein Kind einfach machen. Lass es Entscheidungen treffen, schwierige Situationen meistern und seine eigene Persönlichkeit entfalten. Bringe ihm den Respekt entgegen sich zu einem starken und selbstbewussten Menschen entwickeln zu können. Und dazu gehört ganz wesentlich, dass du Schritt für Schritt loslässt und nicht mehr vor deinem Kind stehst, sondern neben deinem Kind. Du kannst dir sicher sein, wenn dein Kind deine Hilfe braucht, wird es dich darum bitten.

Und dann gibt es noch…

…den Förderwahn der Rasenmäher-Eltern

Rasenmäher-Eltern heben den Begriff Helikopter Eltern auf ein neues Niveau. Als Rasenmäher-Eltern werden Mütter und Väter bezeichnet, die wie ein Rasenmäher jegliches Hindernis ihrer Kinder aus dem Weg räumen. Der Nachwuchs soll möglichst schnell, sicher und effektiv sein Ziel erreichen. Und dazu ist Rasenmäher-Eltern jedes Mittel recht. Diese Eltern machen die Hausaufgaben, bereiten die Klassenarbeiten vor und gehen sogar soweit ihrem Kind die wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni zu schreiben.

Besonders häufig tritt dieses Phänomen bei Müttern auf. Meist sind Rasenmäher-Eltern gut gebildet, intelligent und beruflich erfolgreich. Und genau das sollen der Nachwuchs auch erreichen, aber auf einem möglichst sicheren und ebenen Weg. Förderung wird bei Rasenmäher-Eltern zum Förderwahn.

Wenn der Rasenmäher auch die Fähigkeiten des Kindes mäht

Kinder müssen ihre Erfahrungen selbst machen und dazu gehören auch Niederlagen. Nicht für die Klassenarbeit gelernt und eine schlechte Note bekommen? Die Facharbeit muss nachts geschrieben werden, weil das Kind zu spät angefangen hat? All das kann passieren und das Kind muss selbst aus seinen Fehlern lernen. Kinder müssen lernen, dass von Niederlagen nicht die Welt untergeht. Genauso wie sie sich sicher sein müssen, dass Eltern auch dann hinter ihnen stehen, müssen sie aber auch lernen einen Lösungsweg zu suchen. Und Unterstützung bedeutet dann nicht, dem Kind den Lösungsweg abzunehmen.

Bilder: Getty

 

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